Wie die NS-Verfolgung das Studium in Graz beendete
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 wurden jüdische Studierende schrittweise vom Hochschulbesuch ausgeschlossen. 39 der 49 Betroffenen in Graz studierten Medizin, sechs waren an der Philosophischen Fakultät und vier an der Juridischen Fakultät inskribiert. Viele kamen aus Gegenden der früheren Habsburgermonarchie, darunter Galizien, die Bukowina und Siebenbürgen.
Bis zum Ende des Sommersemesters konnten Betroffene noch Abschlussprüfungen ablegen. Einzelne durften ohne akademischen Festakt promovieren, mussten aber auf die Ausübung ihres Berufs verzichten, erklärt Gerald Lamprecht, Leiter des Centrums für Jüdische Studien. Als in Graz in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 jüdische Menschen angegriffen und verhaftet wurden, hatte ein großer Teil der Studierenden die Stadt bereits verlassen.
Flucht und Neubeginn: Von Lisbeth Hochsinger bis Otto Pollack
Lisbeth Hochsinger wollte Ärztin werden. Nach dem Ausschluss aus der Grazer Universität floh sie nach England. Dort nahm sie den Namen Lisbeth Hockey an, arbeitete als Krankenschwester und wurde eine Pionierin der Pflegewissenschaft. Andere Wege führten nach Palästina, in die USA oder nach Shanghai. Nur einer der vertriebenen Studierenden setzte seine Ausbildung wieder an der Uni Graz fort: Otto Pollack schloss sein Medizinstudium 1950 ab.
Für die Forschung waren viele Namen bereits bekannt, nicht aber die Lebensgeschichten nach der Vertreibung. Jandl und Lamprecht nutzten digital zugängliche Archive und Berichte aus den Familien, um diese Lücken zu schließen. Das Buch befasst sich außerdem mit entlassenen Lehrenden, darunter dem Landesrabbiner und Philologen David Herzog und dem Medizinnobelpreisträger Otto Loewi. Die Universität erinnert auch mit Stolpersteinen vor Universitätsgebäuden an verfolgte Angehörige.
Buchpräsentation im Meerscheinschlössl
Die Präsentation findet in der Mozartgasse 3 statt. Rektor Peter Riedler begrüßt das Publikum, anschließend sprechen die beiden Historiker über die Recherchen. Veranstaltet wird der Abend vom CLIO Verlag, dem Centrum für Jüdische Studien und ERINNERN:AT. Das gebundene Gedenkbuch umfasst rund 340 Seiten und ist mit 29 Euro angegeben.
Beitragsbild: © Uni Graz/Tzivanopoulos.