Ein Neubeginn zwischen Zerstörung und Personalmangel
Der Band „Das Oberlandesgericht Graz 1945. Wiedererrichtung des österreichischen Rechtsstaates in der Steiermark und in Kärnten“ wurde im Festsaal des Oberlandesgerichts präsentiert. Im Mittelpunkt steht nicht nur die Wiederherstellung eines Gerichtsbetriebs, sondern ein institutioneller Umbruch nach dem Ende der NS-Herrschaft.
Die Ausgangslage war schwierig: Bombenschäden hatten Gerichtsgebäude getroffen, geeignetes Personal fehlte, selbst Schreibmaschinen waren knapp. Die Beiträge gehen der Frage nach, wie unter diesen Bedingungen die österreichische Rechtspflege wieder eingerichtet wurde. Dabei wird der Blick über Graz hinaus auf den gesamten Zuständigkeitsbereich in der Steiermark und in Kärnten gerichtet.
Die Justiz musste auch die eigene NS-Belastung aufarbeiten
Besondere Bedeutung hatte der Umgang mit nationalsozialistischen Verbrechen. Der Wiederaufbau fiel in eine Zeit, in der die Justiz an der Entnazifizierung mitwirken und zugleich ihre eigene personelle Belastung prüfen musste. Dieses Spannungsverhältnis gehört zu den zentralen Themen des Buches.
Weitere Beiträge behandeln die Rolle der britischen Besatzungsmacht und die Arbeit der Volksgerichte. Damit verbindet der Sammelband die organisatorischen Probleme des Gerichtsalltags mit der strafrechtlichen Aufarbeitung der NS-Zeit. Es geht um historische Entwicklungen nach 1945, nicht um eine Beschreibung heutiger Gerichtsverfahren.
Die Publikation baut auf einer wissenschaftlichen Tagung aus dem Jahr 2025 auf. Deren Anlass war der 80. Jahrestag des Kriegsendes. Der nun erschienene Band bündelt die Forschungsergebnisse und macht die damaligen Diskussionen in ausgearbeiteter Form zugänglich. Zu den ausgewerteten Grundlagen zählen die seit 1945 erhaltenen Justizverwaltungsakten des Oberlandesgerichts.
286 Seiten zur Rechtsgeschichte der Steiermark und Kärntens
Herausgegeben wird das Buch von der Historikerin Barbara Stelzl-Marx, dem Präsidenten des Oberlandesgerichts Graz Michael Schwanda und dem Direktor des Steiermärkischen Landesarchivs Gernot Peter Obersteiner. Am Projekt beteiligt sind das Oberlandesgericht, das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung, das Institut für Geschichte der Universität Graz und das Steiermärkische Landesarchiv.
Die Zusammenarbeit führt damit gerichtliche Überlieferung, Archivarbeit und zeitgeschichtliche Forschung zusammen. Der Sammelband ist am 3. November 2026 bei Leykam erschienen, umfasst 286 Seiten und wird um 36 Euro angeboten.
Beitragsbild: © Boltzmann-Institut/Malikowa.